Kapitel 1
Matteo Manser-Merz fuhr mit dem Tesla ins Tessin – er war das unauffälligste Auto, das sie besassen. Zuhause hielt er es nicht mehr aus.
Die Presse belagerte seit Tagen die Zufahrt. Und heute Morgen war sogar ein Influencer auf ihr Grundstück vorgedrungen.
Es reichte.
Während sich die Security um den Aktivisten kümmerte, bat Matteo die Haushälterin, das Wochenendgepäck bereit zu machen.
Weshalb genau er ins Tessin fuhr, konnte er nicht sagen.
Wollte er nicht sagen.
Er war seit Jahren nicht mehr dort gewesen.
Mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr er durch die bewaldeten Hügel des Malcantone, bis er die schmale Via Trezzini erreichte. Geschickt zirkelte er den Wagen durch die mittelalterliche Gasse und bog auf den versteckten Parkplatz des Albergo della Posta ein.
Auf knirschendem Kies kam er zum Stehen.
Er öffnete die Tür und nickte dem Personal zu.
Die Luft roch nach feuchtem Gemäuer, Kaffee und Kastanienblüten.
Er atmete tief ein. Erstaunt, wie sehr die Zeit hier stehengeblieben war.
Vor seinem inneren Auge blitzte Ilaria auf.
Der Strand von Maccagno.
Sogar die Musik von damals konnte er hören.
Notti magiche …
Mit jedem Atemzug wurde sein Grinsen breiter.
Dann musste er plötzlich an die Goldmine denken.
Er zückte das Telefon und rief seine Eltern an.
«Ich bin in Astano.»
«Astano?», fragte der Vater erstaunt.
«Ich habe es zuhause nicht mehr ausgehalten.»
«Das kann ich nachvollziehen. Aber wie bist du darauf gekommen, ausgerechnet nach Astano zu fahren?»
«Das weiss ich auch nicht – ein Bauchgefühl. Kannst du dich an die Sommerferien hier erinnern? Während der WM 1990?»
«Ja aber sicher! Das war der grösste Sommer aller Zeiten.»
«Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du zurückdenkst?», wollte Matteo wissen.
«Deine Mutter», antwortete der Vater, ohne zu zögern.
«Lüg nicht!», hörte Matteo seine Mutter im Hintergrund. «Fussball! Ihr hattet nichts als Fussball im Kopf.»
Matteo fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
«Erinnert ihr euch, wie ich damals war?»
«Wie meinst du das?»
«War ich irgendwie auffällig?»
«Du warst zehn», lachte der Vater. «Was soll da schon gewesen sein?»
Matteo zuckte unsicher mit den Schultern. Sein Blick schweifte über die Kastanienwälder. Von aussen betrachtet, sahen sie aus wie ein einziges Dickicht. Doch wenn man sich in sie hineinverirrt, fand man die erstaunlichsten Dinge. Schmugglerpfade, Hochebenen, ganze Dörfer. Sogar einen Freizeitpark, der nie fertiggebaut wurde.
«Du warst neugierig», brach die Mutter das Schweigen. «Dich hat damals ständig was umgetrieben.»